Depressive Episode (F32) für die HPP-Prüfung: Kriterien, Schweregrade & Prüfungsfallen
Gedrückte Stimmung, keine Energie, schlechter Schlaf – klingt nach Depression, oder? In der Prüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie reicht so ein Bauchgefühl nicht. Dort wird von dir erwartet, dass du eine depressive Episode sauber nach ICD-10 einordnest, den Schweregrad bestimmst, Differenzialdiagnosen im Blick hast und vor allem: die Suizidalität abklärst. Genau hier passieren in Fallbeispielen die meisten Fehler.
In diesem Artikel gehen wir die depressive Episode (F32) Schritt für Schritt so durch, wie du sie für die schriftliche und mündliche Überprüfung brauchst – mit Merkhilfen, typischen Stolperfallen und einer Übungsfrage mit Lösung.
Die Grundstruktur: Hauptsymptome und Zusatzsymptome
Die ICD-10 unterscheidet bei der depressiven Episode zwischen Haupt- und Zusatzsymptomen. Das ist das Gerüst, an dem du jedes Fallbeispiel entlang prüfst.
Die drei Hauptsymptome:
- gedrückte, depressive Stimmung
- Verlust von Interesse und Freude
- verminderter Antrieb bzw. erhöhte Ermüdbarkeit
Die Zusatzsymptome:
- verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
- Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit
- negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
- Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder Suizidhandlungen
- Schlafstörungen
- verminderter Appetit
Ganz wichtig: Die Symptome müssen mindestens zwei Wochen bestehen. Ein paar schlechte Tage nach einem Streit sind noch keine depressive Episode – das Zeitkriterium wird in Fallbeispielen gern versteckt.
Schweregrade bestimmen: leicht, mittelgradig, schwer
Sobald du die Symptome gesammelt hast, zählst du. Das klingt banal, ist aber genau das, was in der Prüfung abgefragt wird:
- F32.0 leichte depressive Episode: mindestens 2 Hauptsymptome und mindestens 2 Zusatzsymptome
- F32.1 mittelgradige depressive Episode: mindestens 2 Hauptsymptome und 3–4 Zusatzsymptome
- F32.2 schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome: alle 3 Hauptsymptome und mindestens 4 Zusatzsymptome
- F32.3 schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen: wie F32.2, zusätzlich z. B. Wahnideen (Schuld-, Verarmungs-, hypochondrischer Wahn) oder Halluzinationen
Merkhilfe: Zähle immer zuerst die Hauptsymptome. Sind es alle drei und viele Zusatzsymptome, denk an „schwer“. Tauchen Wahninhalte auf, die zur depressiven Stimmung passen (synthym), bist du bei F32.3.
Zusätzlich kannst du bei leichter und mittelgradiger Episode ein somatisches Syndrom kodieren. Typische Hinweise sind Früherwachen (mindestens zwei Stunden vor der gewohnten Zeit), Morgentief, psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit, deutlicher Appetitverlust, Gewichtsverlust (häufig genannt: mindestens 5 % des Körpergewichts im letzten Monat), Libidoverlust sowie fehlende emotionale Reaktionen auf eigentlich angenehme Ereignisse.
Einzelne Episode, rezidivierend, bipolar oder chronisch?
Die Episode allein ist nur die halbe Diagnose. Frag dich immer auch nach dem Verlauf:
- F32 – depressive Episode: erstmalige Episode
- F33 – rezidivierende depressive Störung: wiederholte depressive Episoden, ohne dass jemals eine manische oder hypomane Phase aufgetreten ist
- F31 – bipolare affektive Störung: depressive Episoden plus mindestens eine manische, hypomane oder gemischte Episode in der Vorgeschichte
- F34.1 – Dysthymia: chronisch gedrückte Stimmung über mindestens zwei Jahre, die die Kriterien einer rezidivierenden depressiven Störung nicht (oder kaum) erfüllt
Eine klassische Prüfungsfalle: Im Fallbeispiel steht beiläufig, dass die Klientin „vor drei Jahren wochenlang kaum geschlafen, sehr viel Geld ausgegeben und sich großartig gefühlt“ hat. Dann ist es nicht mehr F32 oder F33 – dann musst du an eine bipolare Störung denken.
Blick auf die ICD-11: Dort heißen die entsprechenden Diagnosen „Depressive Störung mit einzelner Episode“ (6A70) und „Rezidivierende depressive Störung“ (6A71). Für die Überprüfung solltest du dich bei deinem zuständigen Gesundheitsamt informieren, auf welche Klassifikation sich die Prüfung aktuell bezieht – in vielen Lernunterlagen ist die ICD-10 weiterhin der Standard.
Differenzialdiagnosen: Was kann es noch sein?
Diagnostisches Denken heißt: Nicht die erste passende Schublade nehmen, sondern Alternativen ausschließen. Bei depressiven Symptomen solltest du mindestens diese Punkte prüfen:
- Körperliche Ursachen: z. B. Schilddrüsenunterfunktion, Anämie, neurologische Erkrankungen. Eine körperliche Abklärung beim Arzt gehört deshalb immer dazu. Ist die Depression organisch bedingt, spricht man von einer organischen affektiven Störung (F06.3).
- Substanzen und Medikamente: Alkohol, Drogen oder bestimmte Medikamente können depressive Symptome auslösen.
- Anpassungsstörung (F43.2): depressive Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis, bei der die Kriterien einer depressiven Episode nicht voll erfüllt sind.
- Normale Trauer: Trauer nach einem Verlust ist keine Krankheit. Hinweise auf eine Depression sind z. B. ausgeprägte Wertlosigkeitsgefühle oder ein anhaltender Verlust jeglicher Freude, der weit über die Trauer hinausgeht.
- Demenz: Bei älteren Menschen kann eine Depression wie eine Demenz wirken („depressive Pseudodemenz“) – und umgekehrt.
- Bipolare Störung und Schizophrenie: Vorgeschichte und psychotische Symptome genau erfragen.
Suizidalität: Das Thema, das du nie vergessen darfst
Bei jedem Fallbeispiel mit depressiven Symptomen gilt: Suizidalität aktiv ansprechen und einschätzen. Das Ansprechen erhöht das Risiko nicht – es entlastet Betroffene häufig sogar. Prüfer achten sehr genau darauf, ob du daran denkst.
Hilfreiche Fragen für die Einschätzung:
- Gibt es Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?
- Gibt es konkrete Pläne oder Vorbereitungen?
- Gab es früher schon Suizidversuche?
- Welche Halt gebenden Faktoren gibt es (Menschen, Aufgaben, Werte)?
- Kann sich die Person von suizidalen Handlungen distanzieren und verlässliche Absprachen treffen?
Bei akuter Gefahr ist die Grenze deiner späteren Tätigkeit klar: Du sorgst dafür, dass die Person nicht allein bleibt und ärztliche Hilfe erhält – im Notfall über den Notruf 112. Auch bei einer schweren depressiven Episode gehört eine fachärztliche Behandlung dazu. Und: Als Heilpraktiker für Psychotherapie darfst du keine verschreibungspflichtigen Medikamente wie Antidepressiva verordnen.
Übungsfrage mit Lösung
Fall: Herr M., 44 Jahre, berichtet, dass er sich seit etwa sechs Wochen niedergeschlagen fühlt. Er hat keine Freude mehr am Angeln, das ihm früher viel bedeutet hat. Er schläft schlecht, kann sich bei der Arbeit kaum konzentrieren und hält sich für einen „Versager“. Energie hat er nach eigener Aussage „eigentlich noch genug, nur keine Lust“. Manische Phasen gab es nie, Suizidgedanken verneint er glaubhaft, körperlich wurde er bereits hausärztlich untersucht.
Welche Verdachtsdiagnose ist am wahrscheinlichsten?
- F32.0 leichte depressive Episode
- F32.1 mittelgradige depressive Episode
- F32.2 schwere depressive Episode
- F34.1 Dysthymia
Lösung: Antwort 2 – F32.1. Hauptsymptome: gedrückte Stimmung und Interessen-/Freudverlust (2 von 3, der Antrieb ist laut Fall erhalten). Zusatzsymptome: Schlafstörungen, Konzentrationsstörung, vermindertes Selbstwertgefühl – also 3. Dauer über zwei Wochen, keine manische Vorgeschichte. Eine Dysthymia scheidet wegen der kurzen Dauer aus, für „schwer“ fehlen das dritte Hauptsymptom und weitere Zusatzsymptome.
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Die depressive Episode ist ein gutes Beispiel dafür, dass es in der Prüfung weniger ums Auswendiglernen geht als ums strukturierte Denken: Symptome sammeln, zählen, Verlauf prüfen, Differenzialdiagnosen ausschließen, Gefährdung einschätzen. Genau das trainierst du im Kurs Heilpraktiker für Psychotherapie – Prüfungsvorbereitung Schritt für Schritt.
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Wichtiger Hinweis: Der Kurs dient der Vorbereitung auf die amtsärztliche Überprüfung zum Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie. Er ersetzt nicht die behördliche Überprüfung und stellt keine Heilpraktikererlaubnis dar. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose.
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