Persönlichkeitsstörungen (F60) für die HPP-Prüfung: Typen, Kriterien & Abgrenzung
Paranoid, schizoid, dissozial, Borderline, histrionisch, anankastisch … Wenn du dich auf die Überprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie vorbereitest, wirken die Persönlichkeitsstörungen oft wie eine endlose Liste aus Fachbegriffen, die sich auch noch zum Verwechseln ähnlich anhören. Wie sollst du dir das alles merken? Und woran erkennst du im Fallbeispiel, ob überhaupt eine Persönlichkeitsstörung vorliegt – oder doch eine Zwangsstörung, eine Depression oder eine Psychose?
In diesem Artikel bekommst du einen klaren Überblick über die Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 (F60), die wichtigsten allgemeinen Kriterien, eine einfache Merkhilfe für die einzelnen Typen, die typischen Prüfungsfallen bei der Differenzialdiagnose und einen kurzen Ausblick auf das neue Modell der ICD-11.
Was ist eine Persönlichkeitsstörung überhaupt?
Jeder Mensch hat Eigenheiten: Manche sind eher misstrauisch, andere besonders gewissenhaft oder gern im Mittelpunkt. Das allein ist noch keine Störung. Von einer Persönlichkeitsstörung spricht man erst, wenn bestimmte Erlebens- und Verhaltensmuster tief verwurzelt, anhaltend und unflexibel sind – und dadurch Leid oder deutliche Beeinträchtigungen entstehen.
Die ICD-10 nennt dafür allgemeine Kriterien, die für alle spezifischen Persönlichkeitsstörungen gelten. Diese solltest du sicher wiedergeben können:
- Deutliche Unausgeglichenheit in Einstellungen und Verhalten in mehreren Funktionsbereichen, z. B. Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken sowie Beziehungen zu anderen.
- Andauerndes Muster: Das Verhalten ist nicht auf Episoden psychischer Krankheit begrenzt, sondern besteht langfristig.
- Tiefgreifend und unpassend: Das Muster zeigt sich in vielen persönlichen und sozialen Situationen.
- Beginn in Kindheit oder Jugend, Manifestation auf Dauer im Erwachsenenalter. Vor dem Alter von etwa 16 bis 17 Jahren ist die Diagnose in der Regel nicht angemessen.
- Leidensdruck – oft erst im späteren Verlauf – und/oder deutliche Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit.
- Ausschluss: Das Muster ist nicht besser durch eine andere psychische Störung oder durch eine Hirnschädigung bzw. -erkrankung erklärbar.
Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang: Persönlichkeitszüge werden von den Betroffenen häufig als ich-synton erlebt, also als zur eigenen Person gehörig. Gelitten wird dann eher an den Folgen – an Konflikten, Einsamkeit oder Kündigungen – als an den Eigenschaften selbst.
Die spezifischen Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 im Überblick
Im Kapitel F60 unterscheidet die ICD-10 folgende spezifische Persönlichkeitsstörungen:
- F60.0 Paranoide Persönlichkeitsstörung: übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung, Misstrauen, Neigung, neutrale Handlungen anderer als feindlich zu deuten, Nachtragen von Kränkungen.
- F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung: emotionale Kühle und Distanziertheit, wenig Freude an Aktivitäten, Vorliebe für einzelgängerische Beschäftigungen, kaum Bedürfnis nach engen Beziehungen.
- F60.2 Dissoziale Persönlichkeitsstörung: Missachtung sozialer Normen und Verpflichtungen, geringe Frustrationstoleranz, niedrige Schwelle für aggressives Verhalten, fehlendes Schuldbewusstsein, kaum Lernen aus Erfahrung.
- F60.3 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung mit zwei Typen: F60.30 impulsiver Typ (emotionale Instabilität, mangelnde Impulskontrolle, Ausbrüche) und F60.31 Borderline-Typ (zusätzlich gestörtes Selbstbild, chronisches Gefühl innerer Leere, intensive, aber instabile Beziehungen, verzweifelte Bemühungen, nicht verlassen zu werden, sowie wiederholte Suiziddrohungen oder selbstschädigende Handlungen).
- F60.4 Histrionische Persönlichkeitsstörung: Dramatisierung, theatralischer Ausdruck von Gefühlen, Suggestibilität, oberflächliche und labile Affektivität, Verlangen nach Aufmerksamkeit.
- F60.5 Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung: Perfektionismus, übermäßige Gewissenhaftigkeit, ständige Kontrolle, Beschäftigung mit Details und Regeln, Rigidität und Eigensinn.
- F60.6 Ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung: andauernde Anspannung und Besorgtheit, Gefühl, minderwertig und unattraktiv zu sein, große Angst vor Kritik und Ablehnung, deshalb Vermeidung sozialer Kontakte.
- F60.7 Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung: Entscheidungen werden anderen überlassen, Unterordnung eigener Bedürfnisse, Angst, allein nicht zurechtzukommen.
- F60.8 Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen, z. B. die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die in der ICD-10 keinen eigenen Code hat.
Merkhilfe: Die drei Cluster A, B und C
Viele Lernende merken sich die Typen leichter über die Cluster-Einteilung, die aus dem amerikanischen DSM stammt. Sie ist kein Bestandteil der ICD-10, eignet sich aber hervorragend als Gedächtnisstütze:
- Cluster A – „sonderbar, exzentrisch“: paranoid, schizoid (im DSM zusätzlich schizotyp).
- Cluster B – „dramatisch, emotional, launisch“: dissozial, emotional instabil/Borderline, histrionisch, narzisstisch.
- Cluster C – „ängstlich, vermeidend“: ängstlich-vermeidend, abhängig, anankastisch.
Achtung, klassische Prüfungsfalle: Die schizotype Störung wird in der ICD-10 nicht bei den Persönlichkeitsstörungen geführt, sondern als F21 im Kapitel Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen (F20–F29). Im DSM gilt sie dagegen als Persönlichkeitsstörung. Wenn in einer Frage nach „ICD-10“ gefragt wird, gehört sie also zu F2.
Differenzialdiagnose: Die häufigsten Stolpersteine
In Fallbeispielen geht es selten nur um das Erkennen eines Typs. Oft wird geprüft, ob du sauber abgrenzen kannst. Diese Unterscheidungen solltest du sicher beherrschen:
- Anankastische Persönlichkeitsstörung vs. Zwangsstörung (F42): Bei der Persönlichkeitsstörung sind Ordnungsliebe und Perfektionismus meist ich-synton und durchziehen den ganzen Lebensstil. Bei der Zwangsstörung werden Zwangsgedanken und -handlungen als ich-dyston, also als fremd und unsinnig erlebt, und es wird Widerstand geleistet. Mehr dazu findest du in unserem Artikel zur Zwangsstörung (F42) für die HPP-Prüfung.
- Persönlichkeitsstörung vs. episodische Störung: Eine depressive oder manische Episode hat einen erkennbaren Beginn und ein Ende. Eine Persönlichkeitsstörung ist ein überdauerndes Muster seit der Jugend. Stimmungsschwankungen beim Borderline-Typ wechseln zudem meist innerhalb von Stunden bis Tagen, nicht über Wochen wie bei der bipolaren Störung (F31).
- Paranoide Persönlichkeitsstörung vs. wahnhafte Störung oder Schizophrenie: Misstrauen ist bei der Persönlichkeitsstörung überzogen, erreicht aber kein Wahnniveau. Es gibt keine Halluzinationen, keine Ich-Störungen und keine formalen Denkstörungen.
- Schizoide Persönlichkeitsstörung vs. ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Schizoide Menschen haben wenig Interesse an Nähe. Ängstlich-vermeidende Menschen wünschen sich Nähe, meiden sie aber aus Angst vor Ablehnung.
- Persönlichkeitsänderung (F62) oder organische Ursache (F07): Tritt eine deutliche Veränderung der Persönlichkeit erst im Erwachsenenalter auf, etwa nach einer Extrembelastung oder einer Hirnverletzung, liegt keine Persönlichkeitsstörung im Sinne von F60 vor.
Borderline und Suizidalität: Warum du hier besonders aufmerksam sein musst
Gerade beim Borderline-Typ gehören selbstverletzendes Verhalten und Suiziddrohungen zu den Kriterien. Für die Überprüfung heißt das: Ein Fallbeispiel mit Persönlichkeitsstörung ist immer auch eine Einladung, die Gefährdung einzuschätzen. Wiederholte Suiziddrohungen dürfen nie als „nur Appell“ abgetan werden. Die Prüfer wollen sehen, dass du Eigen- und Fremdgefährdung aktiv erfragst, Warnzeichen kennst und weißt, wann eine ärztliche oder klinische Abklärung nötig ist.
Wie du dabei strukturiert vorgehst, liest du im Artikel Suizidalität einschätzen: Das musst du für die HPP-Prüfung wissen.
Ausblick: Persönlichkeitsstörungen in der ICD-11
Die ICD-11 geht einen grundlegend neuen Weg. Statt vieler einzelner Typen gibt es nur noch eine Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ (6D10), die nach Schweregrad eingeteilt wird: leicht, mittelgradig oder schwer. Ergänzend können ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale (6D11) beschrieben werden:
- Negative Affektivität
- Distanziertheit
- Dissozialität
- Enthemmung
- Anankasmus
Zusätzlich kann ein Borderline-Muster angegeben werden. In Deutschland wird für die Kodierung bislang weiterhin die ICD-10-GM verwendet. Für die Überprüfung solltest du deshalb die ICD-10-Typen sicher beherrschen und die Grundidee der ICD-11 kennen: dimensional statt kategorial.
So lernst du die Persönlichkeitsstörungen prüfungssicher
- Erst die allgemeinen Kriterien, dann die Typen. Viele Fragen lassen sich schon mit dem Grundprinzip lösen: überdauernd, unflexibel, Beginn in der Jugend, Leid oder Beeinträchtigung.
- Pro Typ ein Schlüsselbild: paranoid = Misstrauen, schizoid = Distanz, dissozial = Regelbruch ohne Schuldgefühl, Borderline = Instabilität und Leere, histrionisch = Bühne, anankastisch = Perfektion, ängstlich-vermeidend = Angst vor Ablehnung, abhängig = Unselbstständigkeit.
- Abgrenzungen aktiv üben: Formuliere zu jedem Typ, womit er verwechselt werden könnte und woran du den Unterschied erkennst.
- Mit Fallbeispielen arbeiten: Lies kurze Fallvignetten und benenne zuerst das Muster, dann die Differenzialdiagnosen und zuletzt die Gefährdungslage.
- Regelmäßig wiederholen: Kurze, häufige Wiederholungen bringen mehr als ein einziger langer Lernmarathon.
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Wichtiger Hinweis: Der Kurs dient der Vorbereitung auf die amtsärztliche Überprüfung zum Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie. Er stellt keine Heilpraktikererlaubnis dar und ersetzt nicht die behördliche Überprüfung.
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